Videoschnitt für Blinde leicht gemacht

Videoschnitt für Blinde, ein hoffnungsloses Unterfangen?
Wenn man den Begriff als solchen interpretiert ist das wohl die Wahrheit und wird uns wohl nie möglich sein. Allerdings habe ich eine Möglichkeit gefunden, mittels einem Programm Videos zu schneiden. Allerdings natürlich nicht nach dem Bildmaterial, sondern nach dem Audiomaterial des Filmes.
Dieses Programm ist nicht ganz kostenlos, aber es lohnt sich für Leute, die dies häufiger machen. Da ich ganze Serienstaffeln und regelmäßig Filme aus dem Free TV aufzeichne und dann auch ohne Werbung anschauen möchte, schneide ich regelmäßig Videos. Daher hat sich der Kauf für mich gelohnt.
Es handelt sich um das Programm VideoReDo. Ich möchte hier kurz die Basics des Videoschnitts mit dieser Software erläutern, natürlich ausschließlich mithilfe der Nutzung der Tastatur.

1. Öffnen wir das Programm

Der erste positive Eindruck drängt sich beim Öffnen des Programmes auf. Das Programm ist vollständig zugänglich, da es mithilfe eines für Screen Reader zugänglichen GUI-Toolkits entwickelt wurde (sieht stark nach wx aus).
Man bekommt beim ersten Start Tips angezeigt, die ich jedoch ausgeblendet habe, da die wenigsten davon Sinn für mich haben. Dann kann man über das Datei-Menü (oder auch über das Drücken der Enter/Leertaste, da man auf dem entsprechenden Schalter steht) einen Öffnen-Dialog aufrufen und eine Videodatei öffnen, welche auch sofort in das Fenster geladen wird.

2. Navigation, Bewegung und Schnitt

Wie aus einigen Audioschnitt-Programmen bereits üblich startet und pausiert man die Wiedergabe mittels der Leertaste. Spulen kann man in dem Video mit den Pfeiltasten in Kombination mit Strg, Alt oder Umschalt, wobei die Modifikatoren eine unterschiedlich lange Sprungzeit zur Folge haben. Mit Seite hoch/runter springt man 2 Minuten vor/zurück. Pos1 bzw. Ende springen an den Anfang bzw. an das Ende des Videos. Alle diese Werte sind, soweit ich weiß, in den Einstellungen aber auch nachträglich änderbar, wobei ich davon noch keinen Gebrauch gemacht habe.
Hat man nun eine Stelle gefunden, an der man etwas aus dem Video herausschneiden möchte, setzt man mithilfe der F3-Taste eine Startmarke. Nun spult man zum Ende des herauszuschneidenden Bereiches und setzt mithilfe der F4-Taste eine Endmarke. Der Bereich dazwischen ist nun markiert. Löschen kann man ihn nun mithilfe der Löschen-Taste. Mehr als nur Löschen habe ich noch nicht versucht, kopieren und einfügen sollte aber theoretisch auf die selbe Art und Weise klappen, d.h. den Bereich auf die bekannte Art und Weise markieren und mithilfe von Strg+C oder Strg+X kopieren/ausschneiden und an der gewünschten Stelle einsetzen mittels Strg+V.
Hat man nun alles kopiert/geschnitten/gelöscht, kann man das Video speichern. Dazu wählt man im Datei-Menü „Video speichern als…“, wählt ein Dateiformat aus und ein Zielort. Hier kann man gegebenenfalls auch noch spezielle Einstellungen für einige Codecs treffen, also natürlich weiterhin vollständig bedienbar. Möchte man mal keine Videodatei, sondern eine DVD haben, kann VideoReDo das auch, ebenfalls im Datei-Menü gibt es dafür den Punkt „Video als DVD speichern“, wo man sogar verschiedene Menü-Stile wählen kann, wobei das natürlich nicht wirklich sinnvoll ist, da wir den unterschiedlichen Designs nicht viel abgewinnen können.

3. No Transcoding for VideoReDo

Eine der besonderen Funktionen von VideoReDo ist die, für die es eigentlich auch entwickelt wurde, nämlich für den Schnitt von Fernsehaufnahmen, ohne nachträglich eine Transkodierung vornehmen zu müssen, so wie diverse Videoschneider wie Adobe Premiere, Nero, Magix und wie sie nicht alle heißen es tun.
Bei einer Transkodierung wird das vorhandene Videomaterial dekodiert und anschließend in dem Zielformat neu enkodiert. Da besonders die Enkodierung viel Zeit beanspruchen kann, sind Rendering-Prozesse wie mit Adobe Premiere für ihre exorbitante Laufzeit bekannt. Die Laufzeit der Enkodierung hängt dabei auch meist direkt von der Qualität des gewünschten Endproduktes ab, wodurch der Prozess immer länger dauert, je besser das Endprodukt aussehen soll.
VideoReDo erkennt jedoch, wenn man ein Eingabeformat, beispielsweise ein MPEG2-Videostream, verwendet und eine Ausgabe mit dem selben Codec durchführen möchte. In diesem Fall wird keine Dekodierung, gefolgt von einer Enkodierung vorgenommen, sondern stattdessen direkt geschnitten. Dabei werden die gewünschten Teile verschoben/kopiert/gelöscht und der Strom so, wie er war, weiterverwendet (gelegentlich werden Fehler behoben). Da hier der aufwändige Prozess der Enkodierung ausgespart wird, dauert dieser Prozess nur einen Bruchteil der Verarbeitungszeit von Premiere und Konsorten. Die hierfür notwendige Zeit hängt nur minimal von der Rechenpower eures Prozessors bzw. der Grafikeinheit ab, sondern deutlich mehr von der Lese/Schreibgeschwindigkeit eurer verwendeten Hardware, von der das Quellvideo kommt und wohin das neue Video geschrieben werden soll. Optimaler Weise sind dies unterschiedliche Geräte, damit das einzelne Gerät nicht mehr als doppelt belastet werden muss, wodurch natürlich auch ein Verlust von Lesee/Schreibgeschwindigkeit eintritt.
Ein Beispiel:
Das Speichern eines 90 Minuten Filmes dauert mit VideoReDo knapp 40 Sekunden, wobei ich zwei Festplatten, über SATA III angebunden, verwende. Von einer HDD wird gelesen, auf eine SSD wird geschrieben. Selber Prozess dauert mit Adobe Premiere knapp 15 Minuten. Verwendet wurde besagter MPEG2-Codec. Die Verarbeitung von H.264 dauert rechnerisch bedingt in Adobe Premiere länger, da der Encoder deutlich mehr Rechnungen beansprucht. In VideoReDo dagegen ist hier kaum ein Unterschied zu bemerken.

4. Fazit

VideoReDo will ich heute nicht mehr missen, es ist mein haupt-Schnittprogramm. Seit Version 5 besitzt es auch eine automatische Werbeerkennung, allerdings ist diese derzeit noch nicht sonderlich erfolgreich. Da ist die Erkennung von TSDoctor deutlich besser, zu dem ich gegebenenfalls auch noch einen Artikel verfassen werde, da es sich hierbei ebenfalls um ein wichtiges Tool in meiner Videoschnitt-Toolchain handelt.
VideoReDo ist auch das einzige, mir bekannte Werkzeug, um als Blinder Videos schneiden zu können. Dies ist zwar nur nach Audioframes möglich, da wir das Video nicht sehen, allerdings haben sich Sehende, die meine filme schauen, sehr gefreut, das man beispielsweise, wenn man nicht genau aufpasst, gar nicht mitbekommt, wann eigentlich eine Werbung vorhanden war und wann nicht. Die Schnitte sind also wohl kaum bemerkbar, was auf die Qualität des Tools schließen lässt.
An alle Blinde, die sich bisher gegen solche Tätigkeiten begründet gewehrt haben, können ihren Sehenden Freunden damit nun auch einen gefallen tun. Greift zu. Der Support der Firma lohnt sich, ich bin Fan von VideoReDo :).

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